Gruppe Gummi K



„Wie Eins zum Andern kam“
Knetgummianimation, 12 Minuten
Gruppe Gummi K, 1996
Alice Creischer, Martin Ebner, Christoph Keller, Ariane Müller, Andreas Siekmann,
Nicolas Siepen, Josef Strau, Klaus Weber, Amelie von Wulffen





1. Szene: Ein Loft in New York, 1989

Klaus Biesenbach und zwei Tänzer im Hintergrund.
Er schaut auf einen Fernseher, in dem gerade Nachrichten über die Wiedervereinigung kommen.

The unimaginable has happened: The iron curtain has gone down – a new age arises. East and west are united in tears of joy. Huge crowds converged on the Brandenburg Gate, where an impromptu street party broke out.
West German Chancellor Helmut Kohl has just interrupted his state visit to Warsaw and rushes to West Berlin.
The political Crème de la Crème takes part in the gorgeous happening: Theo Waigel, Wolfgang Schäuble, Franz Schönhuber, the Lords Alexander von Stahl and Otto von Habsburg and Antje Vollmer from the Greens.

Biesenbach:

Dieser Moment, Augenblick und diese Stunde, diese Unauslotbarkeit der Empfindungsdimensionen !
Jaa, jetzt aufbauen, abschöpfen, zusammenfügen! Ich muß heim.

 

2. Szene: Galerie Maenz in Köln, 1990

Der Galerist Maenz geht auf und ab vor einem Bild von Anselm Kiefer.
Der Sammlersong:

Bei Art & Language 17, bei Kiefer 5000, mit Sicherheitspersonal.
Ich schloß die Galerie, wurde konsequent Privatier.
Zuviel Mob auf dem Gallery-Hop, zuviel Masse, zu satt.
Ich war Unternehmer, selbständig, schnell, ganz allein.
Jetzt bin ich Sammler – beharrlich, bewahrend, ganz allein.

Ich bin ein Monolith und distanziert zur Ebene.
Die Stadt ist zu eng geworden, hat kein Bewußtsein mehr.
Ich bin ein Monolith und meine Sammlung einzig.
Ich bin ein Scheinwerfer und meine Sammlung strahlt.
Ich suche einen Ort.
Ich suche eine Ebene, die zum Schattenwurf taugt.

 

3. Szene: Kunstwerke Berlin, 1995

Eine Explosion am Eingang.
Ein Dialog zwischen den Kuratoren Biesenbach und Schafhausen im Ausstellungsraum.

Schon wieder ein Anschlag !
Das strapaziert unsere repressive Toleranz bis zum Äußersten.
Wir verlassen endgültig diese Subkultur – Stasimethoden, Demagogie, Sozialneid, das ist beispiellose kulturelle Empfängnisverhütung.

Ideologiefreiheit braucht neue Partner.
Aber ohne kulturelle Bezüge…
…aber ohne Raum?

Erstmal vor Ort renovieren, dann expandieren.
Aktionsraum Osten… aber sehr riskant?

Der Unternehmer als Risktaker, das ist meine Persönlichkeitsstruktur.
Jetzt aber nichts falsch machen.
Nur das Personal wechseln. Die kreativen Ressourcen müssen einfältiger werden.

Positionen der 90er entdecken, aufzeigen, museumsfähig machen.
Aufbauen, abschöpfen, zusammenführen.
Und der Ort?

Wir nehmen alles. Eine gewisse site-spezifische Brisanz kann nicht schaden.
Entstigmatisierungsarbeit leisten !

Welcher Ort ist denn schon nicht besetzt ?

Neueinbindung in den Kulturraum…
… umgeben von rivalisierenden Jugendbanden und revitalisierendem

Geschichtsambiente.

Jenseits von gut und böse…
…zwischen Buchenhaus und Bauwald !

 

Eine gelbe Mauer wird gezeigt.
(Der Vorschlag zur Gestaltung des Lustgartens auf der Museumsinsel von Gerhard Merz)

Gerhard Merz ruft:

Dreiiißisch Meter Lichtloser Römischer Ocker!

 

4. Szene: Australien, 1995

Ein Telefongespräch.

Kiefer?

Hi Paul !
Here in this other Kulturraum my Existenzkrise is getting better and better.
Weimar?
I heard about it. It is supposed to be Kulturhauptstadt 1999?
Anyway, an important place.
But your sammlung are nearly only my pictures?
What a great responsibility for me. I’m honored.
How much Kies?
Ok, how many Sand muß ich liefern?


5. Szene: Weimar, 1996

Im Sandkasten, Chor der KünstlerInnen

Wenn es nicht weitergeht im Cyberraum, wenn ich meinen Differenzfeminismus in textilem Gestalten ausdrücke…
Es ist nicht einfach, aber es geht mit Kunst.
Es ist nicht einfach, aber es geht mit Kunst.

Wenn ich an der Relevanz verzweifle, wenn ich den Kontext wechseln muß …
Es ist nicht einfach, aber es geht mit Kunst.
Es ist nicht einfach, aber es geht mit Kunst.

Wenn’s mir in Weimar ins Zelt reinpisst. Eigentlich wollte ich nie beim Gauforum ausstellen.
Es ist nicht einfach, aber es geht mit Kunst.
Es ist nicht einfach, aber es geht mit Kunst.

I hope you see that I´m the other here
It is not easy but it goes with art.

Wie man von Weimar nach Kassel kommt, wie ich ein Konzept ohne Künstlerliste vortrage.
Es ist nicht einfach, aber es geht mit Kunst.
Es ist nicht einfach, aber es geht mit Kunst.

Und hoffentlich ist diesmal kein Tafelbild dabei.
Es ist nicht einfach, aber es geht mit Kunst.
Es ist nicht einfach, aber es geht mit Kunst.

 

6. Szene: Weimar, vor dem Goethehaus

Nietzsche, Schiller, Goethe und Beuys erscheinen im Traum.

Das Unternehmen, hevorzuragen. Gipfelmassive am Horizont.
Er, der Heros steht, das Bein leicht aber kraftvoll angewinkelt.
Welch eine Geschichts-Subjekt-Akkumulation!
Vergessen hieße Anarchie, Niedergang aller formidablen Füße, Oberschenkel und Schulterblätter, die trotz der Paarung des Geistes mit dem Leib, Bewußtseinuntertanen sind.
Charisma haben und schließlich kulturellen Humus bilden,
welch ein Schicksal, welch eine Herausforderung.
Das Erbe antreten, wachsen, und wenn auch im kleinen zunächst, dann größer und größer werden.
Die Beziehungen pflegen, den Führungsstil schleifen,
ein wenig nach unten treten und sich allmählich zum Groß-Subjekt runden.

 

Abspann

„Nach Weimar“ ist eine vom ehemaligen Kölner Galeristen Paul Maenz angeregte Ausstellung. Sie findet Ende Juni im Rohbau des dortigen Landesmuseums statt, das mit dem NS- Gauforum baulich verknüpft ist. Sie funktioniert als Aperto für den Kulturhauptstadt-Weimar-Betrieb 1999 und die dortige ständige Präsenz der Sammlung Maenz im dann rekonstruierten Museum. Für die Künstler ist mit der Teilnahme das Versprechen verbunden, nächstes Jahr in den Großausstellungen – Münster, Kassel, Venedig – dabei zu sein.
Die klassizistisch-nationale Aufladung macht Weimar als Standort für neudeutsches Kulturverständnis reizvoll. Die Kuratoren der Ausstellung, Nikolaus Schafhausen und Klaus Biesenbach, dealen mit den Slogans: „Entstigmatisierung“, „Zwischen Bauhaus und Buchenwald“. Dieser Appeal wird als sitespezifische Attraktion einer ansonsten konzept- und inhaltslosen Ausstellungsepisode benutzt.

„Wie eins zum andern kam“ basiert auf einer längeren Diskussion über neokonservative Kulturpolitik, die verstärkt nach der Wende einsetzte. Der Film wurde als eine Art Vorkritik zur Ausstellung „Nach Weimar“ (Kuratiert von Biesenbach / Schafhausen, Weimar 1996) produziert. Er wurde von Studenten der dortigen Hochschule für Gestaltung auf der VIP-Party zur Ausstellungseröffnung in Weimar eingechleust und lief gleichzeitig an verschiedenen anderen inoffiziellen „Kunstszene“-Orten – in Hamburg (Pudelsclub), Köln (Sixpack, Stadtgartenkino), Berlin, München, Leipzig, Stuttgart und Düsseldorf.
Der Film zeigt verschiedene Episoden, die schließlich zur Ausstellung führen und greift damaligen Gossip, Pressemitteilungsäußerungen und Konzepte der Ausstellung auf.

Eine Bildstrecke zum Film wurde in Texte zur Kunst, August 1996 veröffentlicht.

Gruppe Gummi K war eine temporäre Konstellation. Sie entstand während der „Tage zum didaktischen Lied“, die im Sommer 1996 von „Klasse 2“ / „Microstudios Surplus“ organisiert wurden.
Die Gruppe bestand aus: Alice Creischer, Martin Ebner, Christoph Keller, Ariane Müller, Andreas Siekmann, Nicolas Siepen, Josef Strau, Klaus Weber, Amelie von Wulffen